FAQ
Fragen und Antworten zum Neurodiversitätsansatz
Neurodivergenz-bestätigende oder kurz ND bestätigend, manchmal auch Neurodiversitäts-informiert, Neurodivergenz-bejahend, Autismus-positiv - bedeutet, dass der Ansatz Grundlagen des Neurodiversitätsparadigmas berücksichtigt. "Paradigma" ist ein nicht so alltägliches Wort, daher wird manchmal auch von dem Neurodiversitätsmodell gesprochen, auch wenn es in dem Sinne nicht ein klar definiertes Modell im klassischen Sinne gibt.
Insgesamt verstehen verschiedene Personen durchaus Unterschiedliches darunter, was ND bestätigende Praxis bedeutet, und die Grundlagen sind für unterschiedliche Neurominderheiten unterschiedlich ausgearbeitet. Für autistische Neurodivergenz haben wir inzwischen eine sehr breite Masse an ND bestätigender Information und darauf basierende Modelle für ND bestätigende Therapie, Umfeldarbeit, Diagnostik, Bildung und Forschung.
Für andere Neurodivergenzen - es gibt mehr als nur "Autismus" und "ADHS" - ist der Stand der kollektiven Bildungsarbeit und Wissensgenerierung unterschiedlich.
Das Neurodiversitätsparadigma bezeichnet einen Wechsel der Art, wie über neurodivergente Personen gedacht und wie neurodivergente Menschen behandelt werden. Das basiert auf der Anerkennung, dass die Art, wie über marginalisierte Gruppen gedacht wird, entscheidet, wie mit Ihnen umgegangen wird.
Eine der Grundlagen des Neurodiversitätsparadigmas - das aus der behindertenrechtlichen Neurodiversitätsbewegung herausgewachsen ist und erstmals von der autistischen Psychologiedozentin Nick Walker schriftlich beschrieben wurde - ist, dass defizit-basierte Annahmen über neurodivergente Personen falsch sind und folglich zu problematischer Behandlung führen.
Erfahrungen neurodivergenter Menschen werden als Dynamik sozialer Unterdrückung verstanden. Das Neurodiversitätsparadigma wurde anfänglich und vor allem von autistischen Personen entwickelt, gilt aber für alle Neurodivergenzen - sowohl für angeborene neurokognitive Normabweichungen, als auch für neurokognitive Normabweichungen in Folge von Trauma, Unfällen, Erkrankungen, etc.
Viele Menschen denken, dass das bedeutet, dass Behinderung, Barrieren und Schwierigkeiten negiert wird. Das stimmt nicht.
Während - vor allem in Deutschland - viele autistische Menschen sich nicht als behindert verstehen, identifizieren sich viele autistische und anders neurodivergente Personen im Rahmen der Neurodivergenzbewegung als behindert im Sinne von selbstbestimmten Modellen von Behinderung.
Nein. Das Neurodiversitätsparadigma schafft diskriminerungskritische Möglichkeiten, Faktoren für Behinderung unter Federführung der jeweiligen Personengruppen besser zu identifizieren und passende, empowernde und würdevolle Unterstützung - analog mit Barriereabbau - zu bieten.
ND Paradigma nicht gegen Therapie, sondern Blick auf Harm und Barrieren in Therapieformen, Art der Umsetzung, Kritik am Entscheidungsprozess, WAS zu ändern ist und WIE es zu ändern ist.
Das Neurodiversitätsmodell wird häufig fälschlicher Weise so verstanden, dass es ausschließlich Umfeldarbeit und Anpassung des Umfelds vorsieht. Die Annahme ist: Neurodiversitäts-bestätigend bedeutet, dass Menschen einfach unterschiedlich sind, und dass jeglicher Ansatz, der auf Veränderung oder Therapie basiert, übergriffig ist.
Das stimmt nicht. Das Neurodiversitätsmodell lehnt Therapie nicht ab - vor allem unter dem Aspekt nicht, dass Neurodivergenz alle Formen von neurokognitiver Abweichung, einschließlich Epilepsie, Traumatische Gehirnverletzung, etc. umfasst.
Der Ansatzpunkt des Neurodiversitätsmodells ist, dass kritisch geschaut wird, welche Diskriminierungs- und Abwertungsdynamiken Einschätzungen beeinflussen, welche Änderungen notwendig sind und wie diese Veränderungen auszusehen haben. Dazu gehört: wer diese Einschätzungen fällt, und welchen Informationsstand bzw. Bias diese Personen haben.
Behinderung und Unterstützung nach dem Neurodiversitätsmodell - am Beispiel von Sehbehinderungen, die durch Sehhilfen kompensiert werden können
Viele Menschen haben in dem Sinne eine Sehbehinderung, als dass sie eine Brille brauchen damit sie in ihrem Umfeld angemessen zurechtkommen. Eine Brille ist hier ein wichtiges Hilfsmittel, dass nicht das Ziel hat, das Wesen, die Persönlichkeit, und die Bedarfe von Personen grundlegend zu ändern. Idealerweise werden Personen auch nicht abgewertet dafür, dass sie Brillen brauchen, ihnen werden keine – fundamental menschenverbindenden – sozialen Kompetenzen abgesprochen, sie werden nicht aus Diskursen und Forschung zu Sehbehinderung, Therapien und Lösungen ausgeschlossen und Sehhilfen werden ihnen nicht nur vorübergehend angeboten mit der Auflage, dass sie parallel Therapien erhalten, in denen ihnen kompensatorisches Verhalten, dass Verhaltensweisen von nicht-sehbehinderten Personen nachahmt, antrainiert wird.
Bei Sehhilfen-abwehrendem Verhalten wird idealerweise keine Sehhilfe aufgedrängt, sondern nach Gründen für die Abwehr und passenden Lösungen gesucht.
*Der Vergleich geht aus Gründen nicht ganz auf, unter anderem weil Mimik, Gestik, Körpersprache von Brillenträger*innen von seebehinderten Personen nicht abgewertet und missverstanden werden- wobei sehbehinderte Personen durchaus Diskriminierung, Exklusion und Abwertung erfahren.
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Zusätzlich gehe ich zumindest davon aus, dass der aktuelle Wissensstand von Optiker*innen, Augenärzt*innen und Forschenden zumindest in Bezug auf typischere Sehbehinderungen (oder Sehbehinderungen bei ansonsten neurotypischen/nicht-behinderten Personen) weitestgehend akkurat sein dürfte, während z.B. grundlegende Annahmen bekannter Teile der defizit-basierten Autismusforschung aktualisiert bzw. korrigiert wurden, vielerorts aber dennoch als Konsens gelten.
Der Vergleich hinkt – mit einigen Neurodivergenzen zumindest – auch, weil Sehbehinderung ein Resultat von Erkrankung oder Unfällen sein kann und Personen selbst an einer die Sehschwäche heilenden Behandlung interessiert sein können
In Bezug auf das Beispiel bedeuten die Forderungen des Neurodiversitätsparadigmas, dass sehbehinderte Personen keine Abwertung und Ausgrenzung erfahren, nicht aus Forschung ausgeschlossen bzw. federführend eingebunden werden – wenn deutlich würde, dass nicht-sehbehinderte das Erleben von sehbehinderten Personen deutlich anders einschätzen. Dass angemessene Hilfsmittel zugänglich gemacht, aber nicht aufgezwungen werden und dass therapeutische Maßnahmen nur nach Consent erforscht und angeboten werden.
Ein Kern des Neurodiversitätsparadigmas ist, dass die jeweiligen Neurominderheiten – kollektiv und bei Neurodivergenzen wie Epilepsie, Posttraumatische Belastungsstörung etc. selbst entscheiden, welche therapeutischen Ziele sie haben und idealerweise partizipativ an der Entwicklung von Therapien in dem Sinne involviert sind.
Für autistische Neurodivergenz sieht das Neurodiversitätsparadigma beispielsweise vor, dass von jeglichen weiteren Bemühungen der „Heilung“ oder Verhaltensanpassung abgesehen wird, fordert aber Forschung in häufiger (chronische) Erkrankungen und angemessene Therapien, finanzielle Unterstützung für Neurodivergenz-bestätigende Forschung unter Federführung autistischer Forscher*innen, und einen dringenden Wandel in Forschung, Ausbildung und Praxis.
Nein, das Neurodiversitätsparadigma setzt einen diskrimierungskritischen Rahmen für auf informierten Consent-basierte, entsprechend Neurodivergenz-informierte Umfeldarbeit und Fachpraxis, bei der die tatsächlichen Wünsche und Interessen von neurodivergenten Personen im Zentrum stehen und respektvolle Möglichkeiten für selbstbestimmte, empowernde Entwicklung oder Therapie geschaffen werden.
Autvocacy ist ein Wortspiel aus "Aut" von autistischer Neurodivergenz und "Advocacy", also politischer Fürsprache/Bildungsarbeit. Advocacy bezeichnet Bildungsarbeit und psycho-soziale Unterstützung für marginalisierte Personengruppen, unter anderem dadurch, dass Missstände und aufgezeigt werden und gerechtere Modelle und Lösungen angeboten werden.
Advocacy kann durch Organisationen ablaufen - die Arbeit von Unicef, Pro-Asyl etc. umfasst häufig advocacy - oder durch Einzelpersonen. Im Kontext des Neurodiversitätsmodell und disability justice (das von disability rights zu unterscheiden ist und daher nicht mit "Behindertenrecht" zu übersetzen ist sind es größtenteils Advocates mit gelebter Erfahrung, die den Großteil der Bildungsarbeit machen und kollektiv bessere Modelle entwickeln.